Fischaugen als Mikroskop

Sir David Brewster (1781-1868), einer der schillerndsten Physiker
des 19. Jahrhunderts, prägte die Entwicklung der
Mikroskopie durch originelle Experimente.

Er schlug Öl als Immersionsmedium vor, wies auf die Bedeutung
des polarisierten Lichtes in der Mikroskopie hin, empfahl
Diamanten als Material für Objektivlinsen, baute die erste
Zweiobjektivkamera für stereoskopische Fotos und erfand das
Kaleidoskop.

Einer der vermutlich kuriosesten Ansätze bei der Entwicklung
neuer optischer System des Mikroskops geht ebenfalls auf David
Brewster zurück. 1819 empfahl er die Linsen aus den Augen
kleiner Fische zum Bau von einfachen Mikroskopen zu verwenden.
Pieter Harting (1812 - 1885) überprüfte viele Jahre später diesen
abwegig wirkenden Vorschlag und benutzte die Linse eines jungen
Aals (Anguilla anguilla) zum Bau eines einfachen Mikroskops -
womit er eine 536fache (!!!) Vergrößerung erzielte.

Sir David Brewster (1781-1868)

Das Mikroskop als Instrument der Ergötzlichkeit

Seit Anbeginn der Geschichte der Mikroskopie hatte die Unterhaltung stets einen hohen Stellenwert. Mikroskopie-Veranstaltungen im Salon dienten dem Bürgertum als Augenergötzung. Hierbei und bei anderen Gelegenheiten wurde eine große Anzahl verschiedener Präparate gezeigt: Insekten, Pflanzen, Diatomeen und vieles mehr. Oftmals wurden die Objekte von regelrechten Mikro-Künstlern gestaltet. Eine weit verbreitete Technik war das Legen von Diatomeen zu Mustern, Bildern, Wörtern oder gar komplexen Szenen. Einer der bekanntesten Diatomeen-Künstler war Johann Diedrich Möller (1844 - 1907) aus Wedel bei Hamburg, dessen Präparate in alle Welt verkauft wurden. Auch die Anfertigung kleinster Mikrofotos für die Betrachtung durch ein Mikroskop fand weiten Anklang. Als Motiv dienten hier zumeinst Portraits, Landschafts- und Städteaufnahmen und oft auch Aktfotos.

Diatomeen-Präparat von Johann Diedrich Möller (1844 - 1907) im Durchlicht, einfache Polarisation (mit freundlicher Genehmigung von Klaus D. Kemp, Somerset, UK)
Ein Fahrrad aus Arachnoidiscus und Nitzschia (mit freundlicher Genehmigung von Klaus D. Kemp, Somerset, UK)
Ein Gruppe Chorsänger aus Arachnoidiscus Gürtlebändern, Rhabdonema, Synedra und Eunotia (mit freundlicher Genehmigung von Klaus D. Kemp, Somerset, UK)

Mikrofotographien von John Benjamin Dancer um 1880. Die Objektträger sind signiert mit Photograph, Ferry House, Lake Windermere, 20 J.B.D. bzw. Bolton Abbey, In the Olden Time, E. Landseer, 32 JBD (Kalibriermaßstab: 200µm). Dancer (1812 - 1887) begann 1839 in Liverpool mit der Fertigung solcher Kleinstfotos als Daguerreotypien (benannt nach Louis Jacques Mandé Daguerre, 1787 - 1851). 1851 entwickelte Frederick Scott Archer eine feinkörnigere Technik, das nasse Kollodiumverfahren, das wiederum von Dancer für diese mikroskopisch kleinen Fotografien übernommen wurde. Er fertigte ungefähr 500 solcher Fotografien auf Objektträgern an, wobei Mitglieder der viktorianischen Königsfamilie, Napoleon und die 20 Pfund Note von 1858 beliebte Motive waren.

Kreativ mikroskopiert

In der Geschichte der Mikroskopie gibt es zahlreiche Beispiele für Beobachtungen, die im Sinne des Experimentators ergänzt wurden. So meinte der holländische Mikroskopiker Nicolaas Hartsoecker (1656-1725) in den damals als 'Spermientierchen' bezeichneten Spermatozoen kleine Miniaturmenschen zu sehen. Er zeichnete diesen Humunkulus mit einem riesigen Kopf mit offener Fontanelle und kleinem zusammengekauerten Körper. Doch mit dieser Beobachtung nicht genug: Francois de Plantade (1670-1741) schilderte 1699, daß er einen Miniaturmenschen in einer Samenzelle gesehen habe, der versucht habe, sich aus seiner Hülle zu befreien. Die Beine, die Arme und der Rumpf wären bereits aus der Ummantelung ausgebrochen, lediglich der Kopf blieb stecken, so daß das Animalculum bei diesem Befreiungsversuch starb.

Der Humunculus von Nicolaas Hartsoecker (1656-1725). Aus Nicolaas Hartsoecker (1694): Essai de dioptrique.
Ein weiteres schönes Beispiel für eine phantasievolle Beobachtung des Mikrokosmos stellen Abbildungen aus der Abhandlung über die biblischen Heuschrecken von H. Ludolf dar. Die Heuschrecken scheinen hier den Betrachter regelrecht anzugrinsen.

Eine biblische Heuschrecke mit menschlichen Zügen. Aus H. Ludolf (1694): Dissertatio de Locustis. Anno praeterito immensa in Germania visis, cum Diatriba, qua sententia autoris nova Selavis (hebraice), sive locustis, cibo Israelitarum in deserto, defenditur, & argumentis contrariss viri docti respondetur. Frankfurt a.M., M. J. D. Zunner.